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Nie zuvor wurden deutsche Unternehmen so ausspioni



Nie zuvor wurden deutsche Unternehmen so ausspioni

Über die Angriffe der Freunde redet man nicht gern
Nie zuvor wurden deutsche Unternehmen so ausspioniert wie heute

Von Andreas Förster

Im Oktober vergangenen Jahres berichtete die New York Times, daß die
CIA in den amerikanisch-japanischen Verhandlungen über Auto-Importe
kräftig mitgemischt habe. Täglich briefte der US-Geheimdienst den
amerikanischen Unterhändler Mikkey Kator, welche Position die Japaner
im Streit um Einfuhrquoten und -zölle einnehmen werden. Die CIA hatte
ihre Erkenntnisse aus Telefonaten zwischen den japanischen Unterhänd-
lern in Genf und deren Auftraggebern in Tokio.

Die Japaner reagierten gelassen auf den Lauschangriff. Selbstverständ-
lich habe man gewußt, daß die CIA lauschen würde. "Aber wir gaben vor
es nicht mitzubekommen", zitierte Newsweek einen hochrangigen ja-
panischen Beamten.

In Deutschland ist man von der Gelassenheit der Japaner meilenweit
entfernt. Kommt die Sprache auf das Thema Wirtschaftsspionage, wird
meist abgewiegelt; doch hinter den Kulissen herrscht Verwirrung: Im
neuen Krieg der Wirtschaftsspione steht der Feind nicht mehr nur im
Osten, sondern auch im befreundeten Lager.

Die ersten schmerzlichen Erfahrungen machten die Deutschen 1993 in
der Lopez-Affäre und im Wettbewerb um einen Milliardenauftrag aus
Südkorea über Hochgeschwindigkeitszüge (siehe Kasten).

Sorge ums Image
Die deutsche Zurückhaltung hat vielerlei Gründen. Da fürchtet die
Industrie Imageverlust, wenn die erschreckenden Sicherheitslücken in
den führenden Firmen öffentlich werden. Wenn Siemens beispielsweise
Verschlüsselungstechnologien für Telefonleitungen anbietet, selbst
aber Opfer von Abhörmaßnahmen wird, dann ist das alles andere als
Werbung für das Unternehmen. Hinzu kommt, daß deutscher Großkonzerne
über ihre Firmentöchter oftmals Zulieferer ihrer Konkurrenten sind.
Schon deshalb will man das Klima durch offen ausgetragene Streitereien
nicht vergiften.

Noch verklemmter als die Industrie reagieren jedoch deutsche Politiker,
kommt das Gespräch auf das Thema Wirtschaftsspionage. "Für die meisten
Politiker ist Deutschland nach dem Ende des kalten Krieges eine geheim-
dienstfreie Zone geworden", klagt Harald Woll, Regierungsdirektor im
Stuttgarter Landesamt für Verfassungsschutz. "Bestenfalls nehmen sie
noch die Aktivitäten der russischen Dienste zur Kenntnis. Eine reale
Gefahr für den Standort Deutschland aber wollen sie in der Schwer-
punktverlagerung ausländischer Dienste auf die Wirtschaftsspionage
nicht erkennen."

Dabei sprechen die Zahlen für sich: Allein in Baden-Württemberg hat
sich der Anteil von Wirtschaftsspionage an geheimdienstlichen Ver-
dachtsfällen im Jahr 1995 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Bei
vier von fünf Spionagefällen sind Industriefirmen das "Zielobjekt".
Der Trend läßt sich auch bundesweit nachweisen. Ein Verfassungs-
schützer: "Noch nie waren deutsche Firmen von Wirtschaftsspionage
so stark betroffen wie heute." Die Auftraggeber der meisten Agenten
sitzen in Rußland, Frankreich, Japan (siehe Lexikon) und den USA.

Dennoch hat man in den Behörden nicht reagiert. Im Gegenteil: Die bis
1990 getrennt arbeitenden Abteilungen Spionageabwehr und Wirtschafts-
schutz sind zusammengelegt und personell erheblich verkleinert worden.
In den meisten Bundesländern sind die Spionageabwehr -Abteilungen dra-
matisch unterbesetzt.

Politischer Wille? Ein hochrangiger Verfassungsschützer räumt ge-
genüber der Berliner Zeitung jedenfalls ein, daß Spionage durch
Verbündete ein Tabuthema in Bonn sei. "Stoßen wir bei unseren Er-
mittlungen auf Verbindungen zu einem Partnerdienst, dann schaltet
sich sofort Bonn ein und klärt das auf diplomatischem Weg. Man kann
schon sagen, daß uns in einer bestimmten Richtung die Hände gebunden
sind."


Gegner im Osten
Doch solche Kritik wird im Verfassungsschutz bestenfalls in Hinter-
grundgesprächen geäußert. Im 94er Bericht des Kölner Bundesamtes
fehlt der Verweis auf die "friendly attacks" völlig. Folgt man dem
Verfassungsschutz-Bericht, sitzt der Gegner nach wie vor im Osten -
und zwar im ehemaligen Ostblock, im Nahen und Mittleren Osten sowie
in China und Nordkorea.

Eine Analyse, die von den Politikern gern mitgetragen wird. Daß auch
die Verbündeten ihre Finger gierig nach deutschen Technologien und
Marktvorteilen ausstrecken, wird bestenfalls verschämt in Nebensätze
versteckt. So spricht Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer von
einer "ungünstigen Situation", wenn ein Partnerdienst wirtschaftliche
Aufklärung in Deutschland betreibe. Dabei entstünden nur "Mißtrauen
und Vorbehalte".


Klare Worte
Die so sanft Gemaßregelten haben selbst überhaupt keine Probleme
mit ihrem lautlosen Krieg gegen die Freunde. Im Februar 1993 hielt
CIA-Direktor James Woolsey bei einer Anhörung vor einem Kongreß-
ausschuß in Washington mit der Wahrheit nicht hinter dem Berg. Auf
die Frage des Senators Richard Lugar, ob die US-Dienste auch die
wirtschaftlichen Konkurrenten Amerikas im Visier hätten, antwortete
Woolsey, dies sei "the hottest current topic", die heißeste Aufgabe
derzeit.

Auch Claude Silberzahn, bis 1993 Direktor des französischen Geheim-
dienstes DGSE, nahm kürzlich im deutschen Fernsehen kein Blatt vor
den Mund. Selbstverständlich betreibe die Pariser Behörde Wirt-
schaftsspionage im Ausland, um damit staatlichen französischen Kon-
zernen Vorteile zu verschaffen.

Weitaus aggressiver in ihren Mitteln und Methoden gehen im Gegensatz
zu den westlichen die östlichen Dienste gegen die Bundesrepublik vor.
Ihr Informationsinteresse ist umfangreicher, da sie im Gegensatz zu
den hochentwickelten Industrienationen auch an Ergebnisse aus der
Grundlagenforschung in bestimmten Technologiebereichen herankommen
wollen. "Während ein westlicher Spion ganz gezielt vorgeht, um bei-
spielsweise nur die Positionen in Kaufverhandlungen zu erfahren oder
eine Preisliste zu ergattern, wollen die östlichen Spione am liebsten
gleich die ganze Konstruktionsmappe kopieren", so ein Insider.

Vor allem die russischen Nachfolgedienste des KGB haben sich nach
Jahren der Umstrukturierung und Umorientierung für Deutschland als
eines der Hauptzielländer bei der Wirtschaftsspionage entschieden.
Boris Jelzin gab bei seinem Besuch des Aufklärungsdienstes SWR im
April 1994 die Richtung vor: Dem Dienst komme die Aufgabe zu, einen
freien Zugang zu den Märkten anderer Länder für russische Produkte
sicherzustellen.

Der SWR nutzt für seine Wirtschaftsspionage zunehmend getarnte
Dienstposten im westlichen Ausland. SWR-Agenten agieren in diplo-
matischen Vertretungen Rußlands, in russischen Banken, Handelskam-
mern und Unternehmen. Aber auch Scheinfirmen des SWR werden einge-
setzt, um zur Erleichterung der Auslandsaufklärung joint ventures mit
deutschen Unternehmen einzugehen (siehe untenstehenden Artikel). "Es
ist beängstigend, mit welcher Sorglosigkeit viele kleine und mittel-
ständische Unternehmen russischen Angeboten einer Zusammenarbeit
nachgeben", so der Stuttgarter Regierungsdirektor Woll.

Und der BND?
Doch ist Deutschland nur das gebeutelte Objekt der Begierde fremder
Wirtschaftsspione? Oder hat man beim Bundesnachrichtendienst in Pul-
lach nicht schon längst die Zeichen der Zeit erkannt und fühlt sich
als Dienstleistungsunternehmen der Wirtschaft? Der BND weist solche
Verdächtigungen stets entschieden zurück. Auch der Staatsminister
im Bundeskanzleramt, Bernd Schmidbauer, hält den Verdacht der BND
spioniere gegen ausländische Unternehmen, für "absurd". Vor dem Bun-
destag sagte der Geheimdienstkoordinator am vergangenen Mittwoch
"Wirtschaftsspionage sei nicht Auftrag deutscher Nachrichtendienste".

Die Amerikaner haben aber anderes herausgefunden. In einem Bericht
von 1995 an den US-Senat über ausländische Wirtschaftsspionage
teilen sie die Gegner der US-Industrie in drei Gruppen ein. Rußland
und China rangieren bei den nicht-befreundeten Ländern demnach auf
den führenden Positionen. Bei den Verbündeten nehmen Frankreich,
Israel und Japan die Spitzenplätze ein, gefolgt von Großbritannien
und - auf dem fünften Platz - Deutschland.

Abgehört
Fall Lopez. Im Mai 1993 wurden die ersten Vorwürfe laut, daß der
spanische Spitzenmanager Jos‚ Ignacio Lopez bei seinem Wechsel
von Opel zu Volkswagen geheime Firmenunterlagen, darunter Preis-
listen und Projektpläne, habe mitgehen lassen. Die Nachricht hatte
die amerikanische Konzernmutter von Opel, General Motors, an die
Presse lanciert. Sie soll aus Videokonferenzen des VW-Konzerns
stammen, die vom US-Geheimdienst National Security Agency (NSA)
mitgeschnitten wurden.

Fall Siemens. Der deutsche Elektronikkonzern Siemens hatte sich
1993 zusammen mit der AEG um einen Staatsauftrag zur Lieferung von
Hochgeschwindigkeitszügen nach Südkorea beworben. Doch die Auf-
traggeber in Seoul entschieden sich für den britisch-französischen
Mitbewerber GEC Alsthom, obgleich das deutsche Angebot zunächst
besser war. Siemens erhob den Vorwurf, daß seine Telefon- und Fax-
verbindungen mit der Firmenniederlassung in Seoul abgehört worden
seien.



Die Damen vom KGB befördern das Geschäft
Wie Geheimdienstler in Königsberg deutschen Investoren
helfen und sie zur Zusammenarbeit "überreden"


Seit Juli 1992 lockt das russische Königsberg mit großzügigen Zoll-
und Steuererleichterungen Investoren aus den Anrainerstaaten der Ost-
see an. Die "Freie Wirtschaftszone Jantar" bietet dabei vor allem
Unternehmern aus Deutschland, die sich auf ein joint venture mit rus-
sischen Partnern einlassen, ein "Hongkong der Ostsee".

Damit die Investoren aus dem Westen alle Klippen der russischen Büro-
kratie umschiffen können, bieten eine Vielzahl von Königsberger Firmen
ihre Dienste als Untemehmensberater an. Eine von ihnen ist das Unter-
nehmen Kaiserbau".


Kollegen unter sich
Die Firma in der Sergejewa Uliza ist selbst ein joint venture. Der
Thüringer Walter Trost und Pjotr Kotschak aus Moskau hatten Anfang
der neunziger Jahre die Idee, eine gemeinsame Firma zu gründen.
Offenbar einte die Geschäftsleute die jahrzehntelange Kampferfahrung
an der unsichtbaren Front: Trost war in Erfurt Chef der dortigen
"Verwaltung 2000", der berüchtigten Stasi-Überwachungseinheit in der
NVA; und Kotschak sicherte von der Moskauer KGB-Zentrale aus den Auf-
bau des Sozialismus.

Ihre geheimdienstliche Erfahrung nutzen die Kaiserbau-Besitzer jetzt
für sich und ihre Freunde, die noch im aktiven Dienst der Moskauer
Wirtschaftsspionage arbeiten. So vermittelt die Kaiserbau deutschen
Investoren Gesprächstermine bei Bürgermeister, einflußreichen Kommu-
nalpolitikern, Bankiers und Anwälten, ja sogar beim Königsberger Ge-
heimdienst-Chef, General Raschinski, wenn es dann sein muß. Auch bei
der Abfertigung an der polnisch-russischen Grenze beeindruckt der
lange Arm der Firma: an den oft kilometerlangen Schlangen der Fahr-
zeuge werden die deutschen Joint-venture-Partner vorbeigewunken, am
Schlagbaum salutiert der Zöllner und läßt anstandslos passieren.

Und am Abend, nach kräftezehrenden Verhandlungen, bietet man den
Gästen aus Deutschland Bar-Vergnügen mit Sekt und Kaviar. Mit am
Tisch sitzen attraktive junge Damen, ehemalige Dolmetscherinnen des
KGB, deren Unterhaltungstalente schon im kalten Krieg so manches
Geschäft beförderten.


Eindeutige Videos
Für soviel Service erwartet die Kaiserbau allerdings Entgegenkommen:
Die Verhandlungen über joint ventures mit russischen Partnern müssen
erfolgreich zuende gebracht werden. Zieren sich die Deutschen, wird
schon mal ein Video präsentiert, das die Widerspenstigen in eindeu-
tigen Situationen mit ihren Barbekanntschaften zeigt.

Dabei sind die Ansprüche der Russen gar nicht so groß. Um rentable
Geschäfte mit den deutschen Partnern in einem gemeinsamen Unternehmen
geht es nämlich weniger. Viel wichtiger ist, daß die neue Firma eine
Niederlassung in Deutschland einrichtet. Das garantiert den russischen
Angestellten des joint venture-Unternehmens, ohne viel Umstände nach
Deutschland einzureisen und dort langfristige Aufenthaltsgenehmigungen
zu erhalten.

Auf diese Weise dringen Wirtschaftsspione und Agentenführer aus Ruß-
land nahezu ungehindert nach Deutschland ein. Denn eine Übersicht,
welche der immer zahlreicher werdenden deutsch-russischen Unternehmen
vom Geheimdienst unterwandert sind, ist nur schwer zu erstellen.

Für die russischen "Geschäftsleute" die von der Kaiserbau im Geheim-
dienstauftrag an deutsche Partner vermittelt werden, ist die Agenten-
tätigkeit übrigens ein doppelt lohnendes Geschäft: Zum einen kassieren
sie Erfolgshonorar von den Diensten; zum anderen teilen sie sich mit
den deutschen Firmeninhabern die Fördergelder, die die Bundesregierung
an gemischte Firmen vergibt für ihr Engagement beim wirtschaftlichen
Aufbau in Osteuropa.
Die richtigen Namen der Personen und der Firma wurden verändert;
sie sind der Redaktion bekannt.




aus: Berliner Zeitung, v. 22. 1. 1996

Konzernzentralen, Entwicklungsabteilungen, Datennetze, Forschungslabors -
das sind die neuen Schlachtfelder der internationalen Geheimdienste. Nach
dem Ende des kalten Krieges haben die Industrienationen ihren Diensten
ein neues Betätigungsfeld zugewiesen: die Wirtschaftsspionage. Ob Lausch-
angriff, Datenklau oder Sabotage - jedes geheimdienstliche Mittel wird
genutzt im gnadenlosen Kampf um Weltmarktanteile und Einflußsphären. In
unserer Serie beleuchten wir Methoden der Wirtschaftsspionage, stellen
Hauptakteure vor und gehen der Frage nach, welche Rolle Deutschland im
lautlosen Krieg der Agenten spielt.