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Der Bürger als Opfer von Lauschangriffen

Spanner, Spitzel und Spione

Spionage ist fast schon alltäglich. Zumindest dann, wenn man auf die Profis schaut. Das Ende des Kalten Krieges hat die Geheimdienste keineswegs arbeitslos gemacht. Wirtschaftsspionage wird oft unmittelbar von Nachrichtendiensten betrieben, und daneben hat sich verstärkt die Konkurrenzspionage etabliert. Oft sind die Übergänge fließend. Vermeintliche Konkurrenzspionage, sagen Insider, sei in Wirklichkeit meist von ausländischen Stellen initiiert, gesteuert oder koordiniert.
Und sogar beim Nachbarn ist nicht sicher, ob er uns nicht in irgend einer Form belauscht. Das Equipment dazu ist in Spionageläden, z.T. in Baumärkten, frei verkäuflich.
Unser Gemeinwesen ist in zunehmendem Maße von der Informations- und Kommunikationstechnik abhängig. Der wachsenden Abhängigkeit entspricht eine stets steigende Verletzlichkeit der sensiblen und zugleich wichtigen Infrastruktur, u. a. Kommunikationsnetzwerke, Wasser- und Energieversorgung und Banken. Zu den Spitzel- Nationen gehören nicht nur aufstrebende Wirtschaftsmächte wie China oder die bekannten Nachrichtendienste der Russischen Föderation. Auch als befreundet geltende Staaten haben keine Hemmungen, die „Freunde“ ihrer Sonntagsreden auszuspähen.
Mit Veröffentlichung des ECHOLON- Berichtes am 11. Juli 2001 durch den Nichtständigen Ausschuss über das Abhörsystem ECHOLON des Europäischen Parlaments steht längst fest, dass ein globales Abhörsystem existiert, das gemeinsam von den USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland betrieben wird. Es liegt na-he, dass nachrichtendienstlich gewonnene Informationen nicht in der Schreibtischschublade verkümmern, sondern an nationale Konkurrenzunternehmen weitergereicht werden.

Glücksfall Internet
Auch das Internet erweist sich angesichts seiner rasanten Ausbreitung und der Möglichkeit der anonymen Kommunikation als Glücksfall für die Nachrichtendienste. Denn nun lassen sich online hochwertige Informationen aus weltweit verteilten Quellen zusammentragen. Informationen zu einzelnen Personen sind schnell zusammengestellt, und die unterschiedlichen Veröffentlichungsdaten ergeben mitunter Lebensläufe, die aus Daten wie Bildern, Adressangaben, Rufnummern, Aufgaben, Veröffentlichungen und Hobbys bestehen. Bis zu einem gewissen Grad entfallen dadurch grundsätzlich riskante und finanziell aufwändigere Agentenoperationen.
Dieses Vorgehen eignet sich sogar für Hobbyspione, die ein Dossier erstellen wollen. Bei bekannten Persönlichkeiten ist das absolut problemlos, und selbst bei vielen Privatpersonen lassen sich oft noch eine Menge Daten aus unterschiedlichsten öffentlich zugänglichen Quellen zusammenführen, um so einen Lebenslauf zu erstellen.

Spionage leicht gemacht
Ohnehin ist es wohl am leichtesten, wenn man seine Opfer direkt über das Internet anzapfen kann. Dafür gibt es vielfältigste Methoden, seien es gezielt programmierte und platzierte Viren, ein direkter „Angriff“ des Rechners oder beispielsweise eine Nachverfolgung, weil es heutzutage kaum mehr möglich ist, sich „Anonym im Netz“ [weiter-führende Informationen unter www.netzkritik.de/art/ 25. shtml] zu bewegen.
Seit gut einem halben Jahr ist in Deutschland zudem ein Werkzeug erhältlich, das sich besonders gut zur Überwachung eignet, wenn man Zugang zu dem PC der Zielperson hat. Es ist quasi die „Black Box“ des Computers. „KeyGhost“ nennt sich das Stück Hardware, das auf den ersten Blick aussieht wie eine Entstördrossel und damit seine wahre Funktion bestens verbirgt. Denn in Wirklichkeit zeichnet der kleine Adapter, der zwischen Tastatur und Computer eingestöpselt wird, die letzten 2 Mio. Tastatureingaben auf, ohne dass zusätzlich irgendeine Software installiert werden müsste.
Einerseits hat KeyGhost einen praktischen Vorteil außerhalb jeglicher Überwachungs-absichten: Wenn der Computer abstürzt, lassen sich Fehler rekonstruieren und verloren gegangene Eingaben retten. Andererseits werden mit dem System aber auch sämtliche Passworteingaben mitgeloggt. Ebenso wird der Austausch verschlüsselter Nachrichten von dem kleinen Gerät umgangen - und in Kombination mit einer Funkübertragung ist sogar die Echtzeit- Überwachung eines Computers problemlos möglich.

Ungenügender Lausch- Schutz
Das hohe Gefährdungspotential von Lauschangriffen wird von vielen Unternehmen verkannt, obwohl es oft um viel Geld geht und genügend Beispiele von Spionage bekannt sind, gerade in Hinblick auf Firmenübernahmen. Datenschutz steht heute nicht hoch im Kurs, weder bei Unternehmen, noch bei Privatleuten. „Datenschutz ist eben ein Defekt, den es auszuschalten gilt“, beschreibt Jens Ohlig vom Initiatorenteam des Big- Brother- Awards, dem FoeBuD e. V. (www.foebud.org) in Bielefeld, das Problem der heutigen Gesellschaft. Und so kann die potenzielle Gefahr Privatpersonen kaum bewusst werden, wenn schon Firmen keine entsprechenden Sicherheitskonzepte besitzen.
Vor allem Zufallsfunde zeigen den Trend zum Hobbyspion. Nicht immer hat Spionage gleich mit unmittelbaren wirtschaftlichen Interessen zu tun. Um die geht es im kleineren Maßstab natürlich, wenn beispielsweise Urlauberhotels Videokameras in den Zimmern der Hotelgäste installieren und anstößiges oder intimes Bildmaterial über das Internet zum Verkauf anbieten. Oft geht es um den technischen Reiz, das Austesten und Auskosten der sich bietenden Möglichkeiten.

Videoüberwachung preiswert
Gerade die Spionage-Technologie ist aufgrund des enormen technischen Fortschritts und der zunehmenden Miniaturisierung der Bauteile immer preiswerter geworden. Spitzenprodukte gibt es bis heute nur in Fachgeschäften, so genannten Spy Shops. Und entsprechende Technologie hat auch ihren Preis. Doch für den Privatmann gibt es andere Gelegenheiten, sein Zubehör einzukaufen: im Elektronikfachhandel und sogar als Sonderangebot im Bau- oder Supermarkt. Dort kostet dieselbe Technologie kaum mehr als eine Bohrmaschine.
Selbst Elektronikfachhändler haben in ihren Katalogen schon als Rauchmelder getarnte Kameras im Angebot, ebenso wie Wanzenfinder, auch oder gerade für die Funküberwachung. Insgesamt sollen sich bis zu einer Million Abhörgeräte bereits im Besitz von Privatleuten befinden. Eine Zahl, die sich nur schwer belegen lässt. Weder Verkäufer in dieser Branche noch ihre Kunden sind sehr gesprächig.
Zu den Vorteilen der leichten und preiswerten Beschaffung gesellen sich weitere Vorzüge wie die einfache Handhabung und umfangreiches Zubehör. Gerade Überwachungen im 2,4-GHz- ISM- Band sind besonders leicht möglich. Für viele auch nicht ganz unwichtig: Der Einsatz ist grundsätzlich legal und damit unverdächtig, da das entsprechende Frequenzband für diese Verwendung freigegeben ist. Die überall erhältlichen Sender und Empfänger unterliegen zwar einer Beschränkung in ihrer Abstrahlleistung, doch diese ist oft ausreichend oder lässt sich mit einfachen Mitteln wie einer Signalverstärkung und einer Richtantennen auf Empfängerseite leicht vergrößern.
Nicht viel anders verhält es sich mit den umgangsprachlich „Wanzen“ genannten reinen Audioabhörgeräten. Sendemodule im 433-MHz- ISM- Band sind ebenfalls legal. Ursprünglich waren sie zwar lediglich für die Übertragung von Datensignalen gedacht, aber durch den Anschluss eines Mikrofons an den Dateneingang ist ein Abhörgerät schnell zusammengesteckt. Es erfüllt zwar keine hohen Anforderungen an die Tonqualität, aber dem Ziel wird es immerhin gerecht.

Unsichere Telefonleitungen
Prinzipiell ist das unmittelbare Abhören einer Telefonleitung nicht schwer. In den meisten Wohngebäuden befindet sich ein Verteiler der Deutschen Telekom, von dem die einzelnen Anschlüsse ausgehen. Das Abgreifen einer Leitung an dieser Stelle ist denkbar einfach. Oft befinden sich solche Anschlüsse sogar an der Außenwand, nur durch eine Plombe geschützt.
Ganz ohne Hand anlegen zu müssen, gibt es auch noch andere Zugangswege. Anrufbeantworter sind heutzutage in vielen Telefonen enthalten. Aus Komfortgründen verfügen sie über eine so genannte Fernabfrage, mit der man von unterwegs aufgezeichnete Anrufe über einen Codegeber oder die Telefontastatur abhören kann. Geschützt ist die Fernabfragefunktion des Anrufbeantworters durch eine drei- oder meist vierstellige Zahlenkombination, deren werksseitige Einstellung nur selten umprogrammiert wird, vor allem dann nicht, wenn die Fernabfragefunktion nicht genutzt wird, der Anrufbeantworter aber sehr wohl.
Gleiches gilt im Übrigen auch für die Anrufbeantworterfunktionen (Mailbox) von Handys. Auch sie besitzen einen Standardcode, der nur selten durch eine halbwegs sichere Kombination ersetzt wird. Jeder Provider hat hier seine eigene, durchweg bekannte Voreinstellung.
Handy als Wanze
Doch sogar die Handys selbst taugen als Wanze. Zwar sind sie an sich ein wenig zu groß, als dass sie nicht auffielen. Dadurch dass sie sich aber zu einem Alltagsgegenstand entwickelt haben, bestimmt eine sehr viel simplere Methode ihren Einsatz als Spionagewerkzeug. Hat ein Gesprächspartner ein Handy in der Tasche oder legt es sogar während eines Gesprächs auf den Tisch, so eignet es sich ganz hervorragend dazu, einem dritten Gespräche zu übermitteln.
Auf die gleiche Weise vermag ein versehentlich liegen gelassenes Mobiltelefon als Wanze eingesetzt zu werden. Denn viele Mobiltelefone lassen sich auf eine automatische Gesprächsannahme voreinstellen, die eine Annahme des Gesprächs entbehrlich macht. Ohne Klingelton wird so ein Gespräch übertragen.
Das Abhören mit Standardmerkmalen dieser Geräte ist erschreckend einfach. Und wer über detaillierte Spezialkenntnisse der Hard- und Software der mobilen Telefone verfügt, kann ein Mobiltelefon zu einer von außen komfortabel steuerbaren Abhörstation ausbauen.
Dauerhafter und noch sehr viel subtiler ist der Einsatz einer Wanze. Ohnehin sind die klassischen Abhörspezis die Gewinner der Miniaturisierung. Durch die Leistungsfähigkeit moderner Elektronikbauteile sind sie einschließlich ihrer Stromversorgung heute selten größer als ein Fingernagel. Für rund 400 Euro gibt es nicht nur einen Minisender mit geringsten Abmessungen, sondern Hightech vom Feinsten mit hoher Frequenzstabilität, bester Sprachübertragung, Sprachsteuerung zum Energiesparen und eingebautem Hochleistungs- Verstärker.
Der Fantasie im Einsatz sind dadurch kaum mehr Grenzen gesetzt: Beliebt sind Orte wie Aschenbecher, Bilderrahmen, Aktenkoffer, Handtaschen oder Vorhänge. Sender in Kugelschreibern, Feuerzeugen und Uhren zählen schon zur Massenware.

Trojanische Hunde
Solarbetriebene Bürogeräte wie Taschenrechner oder Uhren eignen sich besonders gut als Trojanisches Pferd: Designerstücke landen oft in den Räumen hoher Angestellter oder der Geschäftsführung, und der Spion muss sich dank der autarken Stromquelle nicht einmal um die Stromversorgung kümmern.
Ganz ähnlich ist es bei praktischen und absolut unverdächtigen Dingen wie Mehr-fachsteckdosen. Sie verfügen über eine dauerhafte Stromversorgung, sind unauffällig und bringen je nach gewähltem Büro einen hohen Nutzwert über die gesamte Zeit des Einsatzes.
Im Freien werden Gespräche oft per Richtmikrofon belauscht. Geradezu „hundsgemein“ ist die tierische Variante: Ein speziell für Abhörzwecke trainiertes Tier mit einer Wanze im Fell nähert sich der Zielperson und hält sich in deren Umfeld auf. Denn wer rechnet schon damit, dass der Hund mehr als seine eigenen zwei Ohren hat?

Lauschen als Trend der Zeit?
Aufgrund des rasanten technischen Fortschritts muss inzwischen davon ausgegangen werden, dass mittlerweile immer häufiger abgehört wird. Einer der Gründe, dass die Gruppe der Lauscher größer geworden ist: Früher musste sich ein entsprechender Lauschangriff immerhin noch rechnen, der finanzielle Aufwand sollte sich schließlich lohnen. Bei den Preisen heutiger Lauschtechnologie ist der finanzielle Aspekt entfallen. Und auch die technische Vorbildung ist heute beinahe zu vernachlässigen. Viele Spionagetechnologien sind sogar leichter zu bedienen als der Videorekorder im heimischen Wohnzimmer; die Beschaffung ist auch nicht schwieriger als der Kauf eines Unterhaltungsgerätes.
Belegt wird der Verdacht der steigenden Videoüberwachung durch Sicherheitsexperten, die in den letzten Monaten und Jahren immer häufiger – manches Mal auch per Zufallsfund – feststellen, dass untersuchte Räume frei von jeglicher Verwanzung sind.
Detaillierte Peilungen ergeben dann jedoch aktive Sender im Bereich des 2,4-GHZ- ISM- Bandes auf Nachbargrundstücken. Nicht alle dienen der Überwachung der eigenen Grundstücksgrenzen.
Ganz ähnlich urteilt auch Hartmut Lehmann (Name durch die Redaktion geändert), Besitzer eines Spy- Shops im Internet, der eine sehr unterschiedliche Kundschaft hat: „Von Lauschabwehrexperten bis zum Hobbyspion kaufen alle bei mir ein.
Die Experten wissen genau, was sie wollen, und interessieren sich vor allem für die Neuerungen. Der Preis spielt oft keine Rolle.“
Ganz ähnlich ist das, wenn es bei kleinen oder mittelständischen Firmen einmal einen ,Spionagefall` gegeben hat. Dann nimmt die Spionageabwehr oft der Chef persönlich in die Hand. – Ganz anders dagegen die so genannten Hobbyspione.
Vielfach kennen sie sich besser aus als die Profis; doch die meisten sind Technikfreaks, von denen es einige aber aus lauter Neugierde nicht sein lassen können, die Technik auch einzusetzen. Lehmann: „Die fühlen sich ein wenig wie James Bond. Ganz nebenbei: Jeder neue Bond- Film spült auch eine Welle neuer Kunden in meinen Laden.“
Daneben nimmt vor allem die Spionage in Unternehmen immer stärker zu. Doch Spionage in Firmen muss nicht zwangsläufig von der Konkurrenz kommen. In den letzten Jahren haben die Firmenleitungen einen ganz anderen Trend beflügelt: Durch die hoch gelobte Flexibilität der Mitarbeiter hat das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Firma stark abgenommen.
Es gibt immer seltener den klassischen Chef und seine loyalen Mitarbeiter. Stattdessen kämpft nun jeder Einzelne um den entscheidenden Informationsvorsprung - auch innerhalb ein und derselben Firma.

Niels Gründel
funkempfang.de